Tages des Zorns


Flammen og Citronen

(Dänemark, Deutschland 2008, 137 min, 35mm, Scope)

 

Geschichte im Film darzustellen bringt immer auch historische und ästhetische Verantwortung mit sich. Wie beim politischen Theater, ist auch beim politischen oder historischen Film die Schwierigkeit, das Ziel – nämlich die Waagschale halten zwischen Inhalt und Ausdruck, zwischen Wahrung historischer Tatsachen und ästhetischer Darstellung – zu erreichen. Spätestens mit deutscher Vergangenheitsbewältigung und/oder -darstellung in „Der Untergang“ oder „Das Leben der Anderen“ wissen wir als Zuschauer, wie unterschiedlich solche Darstellungen sein können.

„Nach wahren Begebenheiten“ steht zu Anfang auf der Leinwand. Gleichzeitig führt uns Flames (Thure Lindhardt) Stimme als Voice-Over in die Geschichte ein und rekapituliert die vergangenen vier Jahre nationalsozialistische deutsche Besatzungszeit in Dänemark. „Mai 1944“ wird eingeblendet und die Stimme fragt mit tief sitzender Bitterkeit „Erinnerst Du Dich daran, als sie kamen?“. Schwarz-weiße Archivaufnahmen der Besetzung Kopenhagens verstärken das unwohlige Gefühl, das sich breit macht.

Die Hauptprotagonisten Flame und Citron (Mads Mikkelsen) sind aktiv im dänischen Widerstand tätig und man könnte sagen sie sind Auftragskiller mit einer beinahen Film Noir-Coolness, wäre da nicht die Tatsache, dass es sich um wirkliche Charaktere handelt. Sie sind im Mai 1944 die Staatsfeinde Nr. 1 und ein hohes Kopfgeld ist auf die beiden ausgesetzt. Polizeichef Winther (Peter Mygind) ist ihr Auftraggeber, er verschafft ihnen Informationen über dänische Kollaborateure, die Flame und Citron dann „ausschalten“ sollen. Nach dem Motto „Wir bringen keine Menschen um, sondern Nazis.“, können die beiden heutigen Nationalhelden ihre eventuell aufkommenden Schuldgefühle leicht unterdrücken.

Nach und nach kommen jedoch Zweifel an der Richtigkeit der Informationen, die sie von Winther erhalten, auf. Geheimagentin Ketty (Stine Stengade) gibt Flame weitere Hinweise, die darauf hin deuten, dass Winther private Fehden durch ihn und Citron tilgt. Für sie plötzlich, schaltet sich ihr Gewissen ein. Vielleicht haben sie Unschuldige getötet. Regisseur Madsen selbst sagt über seinen Film, dass er unterschiedliche Haltungen zum Krieg behandeln möchte. Dabei legt er das Hauptaugenmerk auf Flame und Citron, ihre Motivation zu Töten und eben genau darauf, zu zeigen, was es für einen Menschen bedeutet, anderen Menschen das Leben zu nehmen.

Die Kameraarbeit von Jørgen Johansson ist einzigartig und auch der Schnitt macht den Film zu einem ästhetischen Kunstwerk. Ein leichter Sepia-Schleier verleiht den Bildern einen Hauch 1940er Jahre, ohne nostalgisch zu wirken. Diese technischen Arbeiten und die Darbietungen Lindhardts und Mikkelsens („Casino Royale“) machen es dem Zuschauer einfach, sich in die Agenten-Widerstands-Geschichte, in der viel Blut fließt und unzählige Schüsse fallen, hineinziehen zu lassen. Umso erschrockener ist man, wenn die Leinwand plötzlich schwarz und der Film zu Ende ist. Man wird wieder auf die reale Ebene gezogen, wenn in kurzen Absätzen über die Folgen und das weitere Leben einzelner wirklicher Personen, die in der Geschichte eine Rolle spielten, informiert wird.

„Flammen & Citronen“, eine dänisch-deutsche Co-Produktion, behandelt nicht nur das Widerstandsleben der beiden Hauptprotagonisten, sondern auch das Arrangement vieler Dänen allgemein mit den nationalsozialistischen deutschen Besatzern. Diese waren immerhin ziemlich genau fünf Jahre in Dänemark. Und es ist gerade das Portrait einzelner Widerstandskämpfer, wodurch Regisseur Ole Christian Madsen die Kollaboration vieler im Fokus behält. Er versucht gerade nicht, diese Tatsache durch Schönmalerei oder durch das Hervorheben der einzigartigen Rettung von ca. 7000 Juden durch Dänen 1943 zu kaschieren.

 

Text: Jennifer Borrmann, 30.08.2008

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