2009 – Cannes


Cannes – ein Reisebericht

Cannes, 13.05 – 24.05.2009

Wie schon die letzten Jahre, machte ich mich auch dieses Jahr wieder auf zu den Filmfestspielennach Cannes. Mit mir stürzten sich drei bzw. vier weitere Teilnehmer – teils aus Aachen, teils aus Freiburg – in das Abenteuer. Insgesamt waren wir auch altersmäßig eine buntgemischte Truppe, die sich aber schnell zusammenfand. Während die meisten quasi alte Hasen waren, hatten wir auch zwei „Frischlinge“ dabei, von denen einer aber nur einen kurzen Zwischenstopp in Cannes einlegte, bevor es zum Wandern in die Provence ging.

Unsere Unterkunft lag in einem Appartementkomplex in La Bocca, ca. 4 km von der Croisette entfernt. Seit ich nach Cannes fahre, wohnen wir in diesem kleinen Vorort von Cannes, was zum einen ein wenig lästig ist, da es insbesondere abends nicht immer ganz trivial ist, nach Hause zu kommen, zum anderen aber den Vorteil hat, daß es dort recht ruhig ist, und man von dem fürchterlichen Trubel an der Croisette nichts mehr mitbekommt. Mit anderen Worten: Man kann nachts bei offenem Fenster schlafen und sich vom Meeresrauschen in den Schlaf wiegen lassen.

Weiterer Vorteil dieser Appartementanlage ist die Tatsache, daß hier (klopf auf Holz) noch nie eingebrochen wurde, was, den Aussagen sämtlicher Cannes-Veteranen zufolge, früher eher die Regel denn die Ausnahme war. Auch die Verkehrsanbindung ist eigentlich kein Problem. Bei schönem Wetter und wenn man es nicht eilig hat, kann man wunderbar zu Fuß den Strand entlang spazieren und dabei den Ausblick über die herrliche Bucht mit der „Skyline“ der Croisette, den ankernden Yachten und dem Esterel-Gebirge genießen. Wenn man es eiliger hat, nimmt man eine der „Navetten“ (Shuttle-Busse), die täglich bis ca. 20 Uhr fahren oder einfach den regelmäßig verkehrenden Linienbus, der einen für nur 1 € bis kurz vor den Festivalpalais fährt.

Abends nach der Soirée (Galaveranstaltung) steigt man mit zig Mitfahrern – natürlich in Abendgarderobe – in einen der Nachtbusse. Unsere Lösung ist allerdings in den meisten Fällen das Auto gewesen, das uns schnell und bequem und vor allem ohne Wartezeit zu unserem abendlichen Cidre oder „Picon bière“ (ein echt französisches Getränk, für welches (französisches!) Bier mit einem speziell für diesen Zweck hergestellten Orangenlikör, dem Picon, gemischt wird) auf der Dachterrasse brachte. Dieses Jahr hatten wir es mit unserer Unterkunft nämlich besonders gut getroffen. Das Appartement lag auf der achten und somit obersten Etage der Anlage und verfügte über eine riesige, tagsüber herrlich sonnige Terrasse. Schade eigentlich, daß wir so viel Zeit im Kino verbrachten, und diese somit nur wenig nutzen konnten. Aber zumindest zum Frühstück haben wir es sehr genossen, draußen in der auch früh schon recht warmen Sonne zu sitzen und uns auf den Tag einzustimmen.

A propos „wir“: Mit dabei waren dieses Jahr zum einen Markus und Leon vom Filmstudio in Aachen, Billi vom aka-Filmclub in Freiburg, Jenny, FrankoMedia-Studentin aus Freiburg, sowie eben meine Wenigkeit. Eine kurze Stippvisite von drei Tagen gab dann noch Alex, der als Journalist fürRadio Dreyeckland unterwegs war. Während Markus und ich quasi schon alte Hasen waren, war es für Leon und Jenny erst das zweite Festival, und Billi sowie Alex nahmen gar zum ersten Mal an den wichtigsten Filmfestspielen der Welt teil.

Es ist – wie ich festgestellt habe – außerhalb der Filmszene nur wenigen bekannt, daß es in Cannes nicht nur den Wettbewerb, die sogenannte „Compétition“, gibt, bei dem am Ende der Siegerfilm mit der goldenen Palme ausgezeichnet wird, sondern auch drei mehr oder weniger thematische Filmreihen. Das ist zum einen der Certain Regard, der im meiner Meinung nach schönsten Kinosaal überhaupt läuft, dem „Salle Débussy“.

Daneben laufen als unabhängige eigene Veranstaltungsreihen die Semaine de la Critique, in welcher nur Werke von jungen Regisseuren gezeigt werden, die hier ihren ersten oder zweiten Spielfilm vorstellen, und die Quinzaine des Réalisateurs. Die Semaine ist stolz darauf, daß hier Regisseure wie Bernardo Bertolucci, Ken Loach, Wong Kar-Wai oder François Ozon „entdeckt“ wurden. Jede dieser Reihen hat ihren „eigenen“ Kinosaal. Der Certain Regard läuft wie gesagt im wunderschönen „Salle Débussy“, die Semaine de la Critique im „Miramar“ und die Quinzaine im „Palais Stéphanie“, einem Kinosaal, welcher zu einem der Hotels an der Croisette gehört.

Doch als wäre das noch nicht genug Auswahl, gibt es neben dem Wettbewerb und den genannten Reihen noch diverse Sonderveranstaltungen, die sogenannten „Séances Spéciales“, außerdem Filme, die außer Konkurrenz im Wettbewerbsprogramm laufen, die „Cannes Classics“, sowie natürlich das Strandkino, bei dem man im Liegestuhl liegend am Ufer des Mittelmeeres auch unter freiem Himmel Kinofilme genießen kann. Die Leinwand steht dabei direkt am Meeresufer. Ich habe zwar dieses Jahr nur an zwei Veranstaltungen am Strand teilgenommen, aber beide zählen für mich zu den Highlights der diesjährigen Festspiele. Dazu muß man aber auch sagen, daß es das Wetter dieses Jahr unheimlich gut gemeint hat mit den Festivalbesuchern. Die Sonne strahlte vom Himmel, so daß es auch Abends noch recht angenehm war und man trotz der fehlenden Fleecedecken, die die letzten Jahre immer verteilt wurden, nicht schnell fror. Die Strandveranstaltungen begannen jeweils um 20:30 Uhr zunächst mit Musik. Während mich der Vortrag von Gravenhurst eher gelangweilt hat (Warum verspricht er eigentlich, nach dem nächsten Lied ins Wasser zu springen, wenn er’s dann doch nicht macht? – Weichei!), war das Anssi Tikanmaki Quarteteinfach genial. Die Band hat unter anderem diverse Kaurismäki-Filme vertont und ist hier passend vor der Total Balalaika Show von Aki Kaurismäki aufgetreten.

Da der Film im Prinzip „nur“ ein Konzertmitschnitt der Leningrad Cowboys zusammen mit dem Russian Red Army Choir, haben die Jungs des Anssi Tikanmaki Quartets sich wie eine gute Vorband verhalten und das Publikum in Stimmung gebracht. Als sie uns finnischen Tango vorgemacht haben und dabei Pogo tanzend über die Bühne gehüpft sind, wäre ich am liebsten aufgesprungen und hätte mitgemacht. Für den anschließenden Film waren wir damit auf jeden Fall in der richtigen Stimmung. Und auch wenn mich Gravenhurst nicht überzeugen konnte, war das Ambiente am Strand absolut passend für den folgenden Film. Die Ferien des Monsieur Hulot ist fast noch ein Stummfilm, denn er kommt mit extrem wenig Ton aus und wurde durch das Meeresrauschen hinter der Leinwand perfekt untermalt.

Neben den bereits genannten Veranstaltungen findet in Cannes auch noch die größte Filmmesse weltweit statt. Das heißt, Produzenten und Regisseure versuchen hier, ihre Filme an ausländische (und manchmal auch inländische) Verleiher zu verkaufen. Damit die Verleiher sich ein Bild von den Filmen machen können, die sie kaufen sollen, werden diese Filme selbstverständlich auch vorgeführt. Dazu gibt es einen ganzen Haufen kleiner Messekinos (insgesamt um die 30 Säle), in denen wirklich hunderte Filme aus allen nur erdenklichen Ländern gezeigt werden. Da die festivaleigenen Kapazitäten nicht ausreichen, laufen einige dieser Filme auch in einem der drei regulären Kinos in Cannes. Es gibt fast keine Art von Film, die hier nicht läuft. Ich persönlich konzentriere mich gerne auf das europäische Kino, insbesondere die französischen und spanischen, aber auch die skandinavischen Produktionen. Bei den Asiaten sind ebenfalls immer wieder Highlights dabei. Die von mir favorisierte Produktionsfirma aus Japan, Pony Canyon, hat dieses Jahr allerdings leider keine Filme gezeigt. Meist ist die Auswahl aber eher zu groß als zu klein, so daß ich manchmal nicht nur nach den Filmen gehe, die ich sehen möchte, sondern auch nach dem Zeitaufwand, der dazu nötig ist.

Jeder Saal hat seine eigenen Zugangsmodalitäten. Messefilme darf ich mit meiner Akkreditierung eigentlich gar nicht sehen. Aber es gibt die Möglichkeit, sich bei den Produktionsfirmen spezielle Einladungen zu besorgen. Vorteil ist hier, daß es normalerweise ausreicht, 5 Minuten vor Filmbeginn am entsprechenden Kino zu sein. Natürlich kann das bei manchen Filmen auch mal zu knapp sein, aber bei großem Andrang sind die Leute mit den Einladungen sowieso diejeinigen, die bis zum Schluß warten müssen. Wenn noch Plätze frei sind, dürfen wir rein, wenn nicht, Pech gehabt. Aber dann geht man sich eben einfach einen Saal weiter einen anderen Film ansehen.

Anders sieht es im offiziellen Programm aus. Hier ist immer Schlange stehen angesagt. Aber während es im Debussy meistens reicht, sich 45 Minuten vor Filmbeginn anzustellen, kann im „Palais Stéphanie“ eine Stunde durchaus zu knapp sein. Das kommt natürlich auch auf die gezeigten Filme an, aber gerade bei der Quinzaine sollte man eher großzügig kalkulieren, weswegen ich diese Reihe normalerweise eher meide und mir die Warterei nur antue, wenn mich der Film extrem interessiert. Das war dieses Jahr bei einem Film der Fall. Das Plakat von De helaasheid der dingen (frz.: La merditude des choses) hat mich (siehe Foto) dermaßen neugierig gemacht, daß ich mir den Film unbedingt ansehen mußte.

Die Wartezeit im Miramar wiederum ist zwar nicht ganz so schlimm, dafür ist dieser Saal aber wirklich am absolut entgegengesetzten Ende der Croisette, was vom Festivalpalais aus, in dessen Nähe sich die meisten anderen Kinos befinden, gut 15 Minuten strammen Fußmarsch bedeutet. Ein Grund, warum ich dort auch nicht allzu häufig anzutreffen bin.

Am aufwendigsten sind aber naturgemäß die Wettbewerbsfilme. Insbesondere auch deswegen, weil ein Teil der Veranstaltungen als Soirée (d.h. als Galaveranstaltung) stattfindet, wo die Zuschauer dem Anlaß entsprechend in Abendgarderobe zu erscheinen haben (Wer nicht angemessen gekleidet ist, kommt nicht rein!). Da man ja, insbesondere wenn das Wetter so herrlich ist wie dieses Jahr, nicht den ganzen Tag im Abendkleid bzw. im Anzug (mit Fliege!) herumrennen möchte, heißt das, man muss zum Umziehen zurück ins Appartement, was natürlich einen gewissen Zeitaufwand bedeutet. Dafür darf man sich den jeweiligen Film dann auch zusammen mit der Filmcrew, sprich dem Regisseur sowie den Hauptdarstellern, ansehen. Daß diese meist unten im Saal sitzen, während man selber oben auf dem Balkon die Stars unter einem allenfalls auf der Leinwand zu Gesicht bekommt, ist dabei eher nebensächlich. Es macht sich manchmal einfach unheimlich gut, wenn man sagen kann, unter anderem mit Lars von Trier (oder auch Clint Eastwood oder Nicole Kidman oder …) in einem Kinosaal gesessen zu haben. Denn als großer von-Trier-Fan habe ich mir natürlich Antichrist in der Soirée angesehen. Allerdings war das eher ein Fehler, denn der Film ist doch eher verstörend und wird sicher nicht zu einem meiner Lieblingsfilme avancieren. Alles in allem war es dieses Jahr aber ein extrem gutes Festival. Ich habe viele gute bis sehr gute und nur ganz wenig schlechte Filme gesehen. Neben den Filmen gibt es auch immer wieder irgendwelche witzigen Promotion-Aktionen. So sind zum Beispiel die Darsteller des oben bereits genannten Films De helaasheid der dingen tatsächlich zur Premiere ihres Films nackt über die Croisette geradelt. Leider habe ich das selber nicht mitbekommen, da ich in dieser Zeit ja im Film saß. Disney wiederum hat zur Ankündigung der in diesem Winter anlaufenden, geschätzt siebenundachzigsten, Neuverfilmung von A christmas carol eines der Hotels an der Croisette in eine Winterlandschaft verwandelt. Es war schon ein sehr skurriles Bild: schneebedeckte Weihnachtsbäume neben grünen Palmen unter strahlend blauem Sommerhimmel. Überhaupt gibt es bei einem Spaziergang auf der Croisette so einiges zu entdecken, da die verschiedenen Hotels meist alle mit mehr oder weniger aufwendigen Dekorationen um die Aufmerksamkeit der Spaziergänger buhlen. Viele der Produktionsfirmen haben zudem ihre Büros in den Hotels und nutzen die kostenlose Werbefläche, die ein außen vor die Terrasse gespanntes Werbebanner bietet gerne, um auf ihre Filme oder auch nur auf sich selbst aufmerksam zu machen. Daneben finden sich immer wieder Pantomimen oder andere Künstler, die für kleine Menschenaufläufe auf der ohnehin schon überfüllten Strandpromenade sorgen. Aber irgendwie gehört das alles auch zum Flair von Cannes. Denn was wären die ganzen Filme ohne Zuschauer, die ganzen Stars ohne die Fans? Und wem es zu bunt wird, der kann sich (als akkreditierter Festivalbesucher) im „Village International“ in einen der Pavillons am Strand setzen und eine kühle Orangina trinken, während er darüber nachdenkt, welchen Film er sich als nächstes anschauen wird. Und so bin ich schon ein wenig stolz darauf, Teil dieser Veranstaltung gewesen zu sein und freue mich schon jetzt aufs nächste Jahr!

Text: Angelique Presse, 06.06.2009

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