Die Croisette der Küstenstadt Cannes verwandelt sich jedes Jahr in das größte internationale Filmfestival der Welt: das Festival International du Film de Cannes. 40.000 Filmschaffende, Branchenmitglieder und Movie Professionals aus 140 Ländern kamen 2026 nach Cannes – und natürlich auch wieder der Akademische Filmclub aus Freiburg! In einem Fiebertraum aus Schlafmangel, Ticketerhaschungen, Schlange stehen, rotem Teppich und bis zu fünf Filmen am Tag rauschen die zwei Wochen nur so an einem vorbei. Was verbleibt, sind wahnsinnige Eindrücke, prominente Begegnungen und ein gemischtes Gefühl aus Erleichterung, aber auch sofortiger Sehnsucht: zurückzukehren an den Palais.
Wo der rote Teppich rollt
Dabei geht es natürlich nur um eins: Filme! Oder etwa nicht? Bei so manchen Besuchenden steht wohl nur eins im Fokus: der Glamour. Jeden Tag ab 17 Uhr ist der rote Teppich, der zum und in den großen Kinosaal Lumière führt, in ein Blitzgewitter gehüllt. Hunderte Fotograf*innen machen Schnappschüsse von den internationalen Filmstars, die hier für ihre Filmpremieren auflaufen. Doch was, wenn ein Schauspieler oder eine Regisseurin mal im Stauchaos der engen Innenstadt festhängt? Damit der glamouröse Teppich nicht leer bleibt, schleust man die „normalen“ Menschen im aufgebrezelten Dresscode von den Seiten in Richtung Kinosaal: Fachbesuchende, Branchenmitglieder und auch den ein oder anderen Influencer. Viele konnten nur mit viel Glück ein einziges Ticket für eine solche Filmpremiere ergattern und nutzen diese einmalige Gelegenheit, um auf der Weltbühne gesehen und einmal von einem Profi-Fotografen abgelichtet zu werden. Mit teils aufwendigen Abendkleidern, die vom langen Pfauenschweif bis zum Taubennest anmuten, wird geposed, geposed, geposed. Ein persönliches Foto auf dem Teppich zu erhaschen, ist nämlich nicht möglich, denn der künstlerische Leiter Thierry Frémaux hatte bereits 2018 ein striktes Selfie-Verbot eingeführt. Wenn man auch nur ein Smartphone zückt, bevor man das Gebäude betritt, wird man rasch von den Saaldienern erfasst und geschickt blockiert.
Zwischen Cinephilie und Stardom
Nach beinahe erfolgter Erblindung im Fotoblitzhagel ist man nun im großen Kinosaal Lumière mit seinen 2300 engen Sitzplätzen angekommen. Wo hier für die meisten erst das beste Ereignis auf der großen Leinwand beginnt, sehen andere schon die Endstation. Die Fotos auf dem roten Teppich sind ja schon geschossen, und warum sollte man auch sein aufwendiges Abendkostüm in den engen Kinositzen zerknittern lassen? Also verlässt man den Saal, bevor der Film überhaupt begonnen hat. Das passiert leider immer wieder im Rahmen des Festivals und ist ein übler Schlag in die Magengrube der Dutzenden Filmfans, die sich stundenlang in die Last-Minute-Schlange anstellen, um noch ein Ticket zu erhaschen. Das Festival de Cannes ist für viele in erster Linie ein Ort, um gesehen zu werden. Die ganze Welt schaut zu, und hier ist man für einen kurzen Augenblick ein Teil des Stardoms. Allerdings geht man auf der Promenade oder in der Innenstadt in einem Sumpf aus Zehntausenden Besuchern und Touristen unter. Auch im dunklen Kinosaal, neben über zweitausend anderen Zuschauern, wird man eins mit der Masse. Nur in den zehn Sekunden dazwischen, auf dem roten Teppich, ist man jemand. Hier kann man sich präsentieren und sich einmal ganz groß fühlen. Egal ob Hobbit-Cosplayer, Social-Media-Influencer oder Weltstar: In Cannes ist man Teil von etwas ganz Großem.
Ein Film, viele Wirklichkeiten
So trifft in Cannes die ganze Welt aufeinander: Egal ob französische Filmkritikerin, amerikanischer Hollywood-Reporter, indischer Kameramann oder deutsche Studierende eines Filmclubs. Alle bringen ein buntes Gemisch aus persönlicher Begeisterung, beruflicher Notwendigkeit und Filmerfahrung mit. Genauso unterschiedlich fallen dann in der Regel auch die Reaktionen auf die gezeigten Filme aus. Während der eine Teil in tosenden Applaus ausbricht, verlassen andere schon vor dem Abspann den Saal. Am Folgetag der Filmpremieren blättert man hektisch durch die frisch gedruckten Branchenmagazine und ist auf der Suche nach Bestätigung der eigenen Meinung. Dabei stößt man auf vernichtende Verrisse, große Lobhymnen und gleichgültige Banalitäten – und das alles zu ein und demselben Film. Das künstlerische Medium ist und bleibt eben eine Sache der subjektiven Wahrnehmung – und das macht es auch so wunderbar.
Cannes liebt das Kino – und sich selbst
Cannes liebt es zu klatschen. Es wird immer geklatscht: Die Stars betreten bei einer Filmpremiere den Saal? Applaus. Das offizielle Intro vom Festival de Cannes erscheint auf der Leinwand? Applaus. Die Logos der Filmstudios werden am Anfang eingeblendet? Applaus, Applaus, Applaus. Der Erfolg eines Films wird an der Länge der Standing Ovation gemessen, die unweigerlich am Ende eines Films stattfindet, egal wie gut der Film war. Zwölf Minuten, siebzehn Minuten, zweiundzwanzig Minuten! Das muss ein grandioser Film gewesen sein. Diese Fetischisierung des allgegenwärtigen Applauses hat schon lange Überhand genommen und ist kaum noch ein Indiz dafür, wie ein Film bei seinem Publikum angekommen ist. Ironischerweise hat sie längst ihre Funktion als Wertschätzung für die Filmschaffenden überholt und ist zu einer Selbstbeweihräucherung des Festivals selbst und seiner Besuchenden geworden. Sogar der Festivalleiter Thierry Frémaux rügt sein Publikum, wenn bei seinen regelmäßigen Auftritten nicht sofort und ausreichend geklatscht wird. Nach zwei Wochen aufeinanderprallender Handinnenflächen wird der stetige Festivalbesucher auch schon etwas wund und klatschmüde. Spätestens dann kann man die einmaligen Tagesbesucher von den langjährigen Stammgästen unterscheiden.
Cannes stays french!
Obwohl es sich um das selbstproklamierte größte Filmfestival der Welt handelt, bleibt Cannes vor allem eines: französisch. Besonders dieses Jahr, als Hollywood eine verschwindend geringe Präsenz im Festival hatte, haben sich die eigenen Landsleute die Bühne wieder zurückgeholt. Für die eigenen Staatsleute ist immer gesorgt, und so wird jeder (nicht-französische) Film mit französischen Untertiteln gezeigt. Für den Rest der internationalen Gemeinschaft wird eine mickrige Zusatzleinwand unter der eigentlichen Kinoleinwand aufgebaut, die nur dazu dient, die englischen Untertitel darauf zu projizieren. Bei so manchen Zusatz-Screenings wird dabei komplett auf die internationale Zugänglichkeit verzichtet, und im Rahmen der Cannes Cinephiles werden Filme nur auf Französisch bzw. nur mit französischen Untertiteln gezeigt. Wäre das nicht schon genug, finden alle Ansprachen, Ankündigungen und Lobesreden in erster Linie auf Französisch statt. Spricht etwa ein Filmregisseur auf Japanisch, wird dies gedolmetscht – natürlich auf Französisch. Wenn Fachgespräche mit Filmschaffenden oder Schauspielerinnen geführt werden, finden diese tatsächlich in ihrer Muttersprache oder auf Englisch statt. Damit sich das französische Publikum aber nicht diese fremde Sprache über den Gehörsinn ergehen lassen muss, werden natürlich Kopfhörer verteilt, mit denen ihnen ein französischer Übersetzer ins Ohr säuselt. Cannes wächst jedes Jahr und wird immer multikultureller – in seinen Besuchenden, aber auch in seiner Filmauswahl. Was aber gleich bleibt, sind die Franzosen. Und die geben ihre Landessprache nicht so schnell auf.
Das Cannes Rezept
Sobald man über zwei Wochen hinweg Dutzende Filme zu Gesicht bekommen hat, erkennt man so langsam auch das Muster eines typischen Cannes-Films. Natürlich gibt es auch Ausreißer, und mal rennt in einem koreanischen Actionfilm ein computergeneriertes Monster über die Leinwand oder man taucht in die neongetränkte Dystopie eines skurrilen Rachefilms ein. Aber einen Großteil der Wettbewerbsfilme dieses Jahres kann man tatsächlich nach einem einfachen Rezept anfertigen:
- Der Film spielt sich in zwei bis drei Sprachen ab, und eine davon ist Französisch.
- Der Regisseur oder die Regisseurin spricht am besten nur eine oder gar keine dieser Sprachen.
- Der Film spielt in Frankreich, und wenn nicht, wird das Land zumindest erwähnt (Bonuspunkte, wenn Cannes erwähnt wird).
- Die Handlung ist ein ernstes Drama, das mit nüchternen Bildern eingefangen wird und eine konservative Erzählweise hat.
Dies beschreibt im Großen und Ganzen die Filmauswahl, die dieses Jahr für die Goldene Palme angetreten ist. Dies mag etwas zynisch klingen, und der ein oder andere Film konnte auch durchaus herausstechen. Dennoch wurde in Fachkreisen die Auswahl von 2026 für ihre Mittelmäßigkeit und Unauffälligkeit kritisiert und hat das Publikum auch weniger gespalten als in der Vergangenheit. Ob sich aufgrund der brisanten Weltlage und des Mangels an politischer Stellungnahme bei der Berlinale im Februar für ein sicheres Programm entschieden wurde, um nicht zu sehr am Prestige zu kratzen, bleibt ungewiss. Frémaux schiebt den Mangel an Skandalen in diesem Jahr auf die Verschiebung des Diskurses in die sozialen Medien, weg von den großen Schlagzeilen.
Politisch und divers
Politisch blieb Cannes trotzdem, auch wenn etwas entfernt von spaltenden Themen. Nennenswert ist hier vor allem „Minotaur“ vom Exil-Russen Andrey Zvyagintsev, der mit seinem Film eine offensichtliche Kritik am russischen Regime übte und auch durchaus gute Reaktionen im gesamten Publikum erhielt. Auffällig waren auch die saalweiten Buhrufe, die zwischen den Applausen für die anderen Filmstudios immer beim Erscheinen des Canal+-Logos aufkamen. Das rührt daher, dass der rechtsextreme Medienmogul Vincent Bolloré Einfluss auf das französische Studio nahm und inhaltliche Änderungen an der Darstellung der katholischen Kirche und Homosexualität vornehmen ließ. Dabei ist Cannes ein durchaus weltoffenes und liberales Festival, das sich durch Preise wie die Queer Palm oder Filme wie „Jim Queen“ auszeichnet, der dieses Jahr seine Premiere mit dem wahrscheinlich diversesten Publikum in Cannes feierte.
Zwischen Filmkunst und Selbstinszenierung
Das Festival de Cannes bleibt ein faszinierender Widerspruch. Einerseits ist es ein Ort der großen Filmkunst, an dem Menschen aus aller Welt zusammenkommen, um Filme zu entdecken, zu diskutieren und zu feiern. Andererseits lebt das Festival ebenso von seiner eigenen Inszenierung: vom roten Teppich, vom Starrummel und von den Ritualen, die sich über Jahrzehnte etabliert haben. Zwischen ehrlicher Cinephilie, internationalem Austausch und gelegentlicher Selbstbeweihräucherung entsteht eine Atmosphäre, die einzigartig ist und sich kaum mit anderen Filmveranstaltungen vergleichen lässt. Trotz aller Kritikpunkte – oder vielleicht gerade wegen dieser Widersprüche – übt Cannes eine besondere Anziehungskraft aus. Wer einmal Teil dieses Ausnahmezustands war, versteht schnell, warum die Sehnsucht nach einer Rückkehr oft schon auf der Heimreise beginnt.