Leere Augen schauen auf das Lineup der Berlinale 2026. Auf das Programm eines A-Festivals, eines der „großen drei“. Klar waren da Venedig und Cannes, die immer etwas mehr Prestige hatten, bei denen die etwas größeren Namen bevorzugt liefen. Aber eben dicht gefolgt von Berlin. Große Regisseur*innen wurden hier entdeckt, präsentierten stolz ihre neuesten Werke. Und dann der Blick auf 2026. Wer sind Alain Gomis oder Angela Schanelec? Beide liefen im offiziellen Wettbewerb. Selbst in cinephilen Kreisen sind viele Regisseur*innen unbekannt, außerhalb dieser Kreise hinterlässt das Programm keinen Eindruck. Dass mit Gore Verbinski der einzig wirklich bekannte Regisseur nicht im offiziellen Wettbewerb läuft, ist bezeichnend. Dass sein Film auf der Berlinale nicht einmal seine Premiere feiert aber dafür noch am selben Tag in den US-amerikanischen Kinos startet noch bezeichnender. Fakt ist: über die letzten Jahre hat die Berlinale deutlich an großen Regisseur*innen eingebüßt. So sehr, dass das Programm nicht mehr als A-Festival bezeichnet werden kann.
Zwischen Widersprüchen zerrieben
Das ist für sich genommen erst einmal eine Bestandsaufnahme, die weder gut noch schlecht ist. Die Berlinale kann auch hervorragend als Festival von Cinephilen für Cinephile funktionieren. Das Problem ist der gleichbleibende Anspruch an sich selbst. Die Zentralität des roten Teppichs. Die vorgespielte Exklusivität bei Premieren. Die Hoffnung, durch das Einfliegen möglichst vieler Stars den Schein als A-Festival aufrechtzuerhalten. Eine Art schizophrener Grundhaltung schleicht sich damit auf die Berlinale und macht nicht nur vor den eigenen Starallüren halt. Sie zieht sich weiter durch die inhaltliche Programmplanung. „Wenn schon nicht groß dann vielfältig“ scheint Tricia Tuttle durch das Programm hindurch schreien zu wollen. Unterschiedlichste geographische Perspektiven zerschmettern jeden Eurozentrismusvorwurf im Keim, queere Perspektiven, bei der Berlinale schon gute Tradition, sind im Programm genauso vertreten wie eine beeindruckend hohe Quote an Flinta*-Filmschaffenden. Gleichzeitig scheint die Berlinale keinen Platz für Filme außerhalb der kleinen, (schein)komplizierten Indiedramen bieten zu wollen. Yön Lapsi und A Prayer Before Dawn sind die wenigen Ausnahmen im „Das Leben ist so kompliziert und dramatisch im Alltäglichen“-Sumpf. Dass das Publikum das ähnlich sieht zeigt sich deutlich, wenn beim tausendsten künstlich-auf-Schneckentempo-verlangsamten Drama der halbe Kinosaal während des Films geht, während die andere Hälfte schläft, verzweifelt hofft, dass sich doch noch etwas auf der Leinwand bewegt oder sich mit den Sitznachbar*innen zu gut unterhält. Und selbst wenn manche Schauspielende besonders herzerweichend verzweifelt in die Kameraleere starren und manche Regisseur*innen das sehr gut einfangen können, bleibt der fade Nachgeschmack fehlender Kreativität in der Festivalkuratierung. Noch dramatischer ausgedrückt: In der Filmauswahl zeigt sich durch die typisch deutsche „Qualitätsvorstellung“ von Film genau der Eurozentrismus, der durch die unterschiedlichen Länderperspektiven vermieden werden sollte.
Die (a)politische Botschaft
Das Kurationsteam scheint neben dem deutschen „Qualitätsanspruch“ eine besondere Vorliebe für das Politische im Film zu haben. Die alltäglichen Indiedramen drehen sich häufig auch um die Rechte queerer Menschen in verschiedenen Ländern, oppressive Gesellschaften, (Post)Kolonialismus und weitere brennende Thematiken. Dabei stößt die gleichzeitig apolitische Haltung der Festivalorganisation besonders auf. „Wir müssen uns aus der Politik heraushalten“ ist nicht nur der verzweifelte Versuch der Einzelperson Wim Wenders, sich nicht zu Palästina positionieren zu müssen, sondern spiegelt leider die ganze offizielle Haltung des Festivals wider. Die Berlinale versucht auf dem schmalen Grat zwischen politischer Bühne und politischer Anbiederung zu wandeln. Bewusst konfrontationslos manövriert Tricia Tuttle die Berlinale durch „kontroverse“ Themen. Dass sie der Berlinale dabei keinen Gefallen erweist, sieht man an den immer dreisteren Versuchen der staatlichen Einschränkung freier Programmauswahl. Denn am Ende hätte ein schlichtes Foto mit einem Gewinnerteam ohne den Einsatz zahlreicher Filmschaffenden wohl eine Kündigung Tuttles bedeutet. Und das trotz ihres verzweifelten Statements gegen den eigentlich unkontroversen Vorwurf, Deutschland würde mit subventionierten Waffenlieferungen einen Genozid finanzieren. Ein erneutes Taumeln zwischen politischem Engagement und Treue zu Fördergeldern ist die Folge.
Was bleibt
So bleibt vor allem das Gefühl eines unsicheren Festivals, das zwischen verschiedenen Ausrichtungsmöglichkeiten mäandert. Eines Festivals, das sich ausgerechnet in der heutigen Zeit nicht entscheiden kann zwischen politisch und apolitisch sein. Eines Festivals, das den eigenen Verlust des A-Festival-Status weder verhindern noch akzeptieren kann. Und eines Festivals, das in der Scheinvielfalt eines Weltkinos vor allem den modernen deutschen „Qualitätsanspruch“ für die eigene Kuratierung als Maßstab nimmt. So bleibt auch fast drei Monate nach Wim Wenders berüchtigter Aussage der Eindruck der Berlinale als ein in seinen Widersprüchen gefangenes Spektakel. Zwischen politischer und apolitischer Ausrichtung. Zwischen Vielfalt und Einfalt. Zwischen A-Festival-Anspruch und Nieschenprogramm.