BERLINALE: Forum-Highlights


Eine schlechte Pop-Sängerin, deren Lyrics von Schweiß unter den Achselhöhlen handeln, ein Bauarbeiter, der grinsend berichtet, er habe seinen Hosenstall nicht zugemacht, eine Krankenschwester, die ständig vom Sterben redet und ein Zeppelin, das mitten durch Tokyo fliegt – was geht hier vor sich? Das fragt man sich nicht nur einmal, wenn man Yuya Ishiis japanischen The Tokyo Night Sky Is Always The Densest Shade of Blue schaut. Titel und Anfangssequenz lassen die Erwartung wachsen, man könne sich jetzt von einem sanften, visuell beeindruckenden Seelenschmankerl berieseln lassen, um später mit einem “Hach!” aus dem Kino zu gehen: Verschwommene Lichter der Tokyo-Skyline, die langsam zu einem scharfen Bild werden. Zwei Einsame in Japans Metropole, da kommt man kaum umhin, an Sophia Coppolas Lost in Translation zu denken. Stilistisch aber ist Ishiis Werk ganz anders, auch wenn die Protagonisten auch hier auf eine Art ihre Mitmenschen nicht verstehen, wobei es sich dabei nicht um eine sprachliche Hürde handelt.

Mika und Shinji leben und arbeiten beide in Tokyo, und am besten beschreibt deren Einstellung zu der Stadt wohl Mikas Aussage “wenn du anfängst, Tokyo zu lieben, stirbt ein Teil deiner selbst”. Sie arbeiten, um zu leben und leben, um zu arbeiten, und haben kein erfülltes Leben. Viele in Tokyo scheint das nicht zu stören. Diese beiden schon: Wenngleich sie Einzelgänger sind, sehnen sie sich nach menschlicher Nähe und einem tieferen Sinn. Wie es der Zufall so will, laufen sie sich ständig ueber den Weg, was in einer Großstadt wie dieser tatsächlich recht unwahrscheinlich ist. Irgendwann sehen sie sich dann absichtlich, aber auch nur manchmal, und so recht entschließen können sie sich nicht, was sie eigentlich füreinander sind. Eines aber sind sie jedenfalls beide: ein bisschen schräg. “Ich bin seltsam”, sagt Shinji. “Dann bist du wie ich”, antwortet Mika.

Das Schöne an The Tokyo Night Sky ist sein fehlendes Streben nach Perfektion. Yuya Ishii traut sich, Erwartungen bewusst unerfüllt zu lassen, sei es durch rostige, unangenehme Dialoge, ein Lied, das man statt fünf Mal auch nur drei Mal hätte hören müssen, Szenen, die die Handlung scheinbar unnötig verzögern. Aber so ist es auch im realen Leben, auf den Spannungsaufbau folgt nicht immer der Höhepunkt, und Menschen treffen Ex-Liebhaber, weil sie das richtige Wort im richtigen Moment benutzen. Auch die Komik kommt hier keinesfalls zu kurz, auch wenn das Lachen oft von der manchmal schwer zu akzeptierenden Absurdität des Films herrührt. Was nicht bedeutet, dass der Film zu absurd ist, sondern dass wir als Zuschauer zu sehr auf glattgebügelten Stoff getrimmt sind.

In For Ahkeem tauchen wir ein in die Welt von Daje, die in St. Louis, Missouri lebt und wegen gewalttätigem Verhalten auf eine Schule für “schwierige” Schüler geschickt wird. Dass das ein Dokumentarfilm ist, vergisst man leicht, weil die Menschen sich so natürlich verhalten, dass man die offensichtliche Anwesenheit einer Kamera beinahe anzweifelt. Die vertrauten Gespräche zwischen Daje und ihrer Mutter, der Unterricht in der Schule, die engagierten Lehrer, denen die Zukunft ihrer Schüler eine Herzensangelegenheit ist, die Interaktion zwischen den Jugendlichen – all das hätte man in einem Spielfilm niemals so authentisch darstellen koennen.

Besonders fällt auf, dass die Schüler und deren Familien sich ihrer Position in der Gesellschaft und den damit einhergehenden geringen Zukunftschancen durchaus bewusst sind, und es ihnen dennoch mitnichten an Hoffnung und Lebensfreude mangelt. Im Fernsehen hören sie von den jüngsten Ereignissen in Ferguson, wo Michael Brown von der Polizei erschossen wurde. Gleichzeitig hält Daje ihr Baby im Arm, telefoniert mit dem verhafteten Vater des Kindes und versucht unbeirrt, ihren Abschluss an der High School zu schaffen. Als weißer Zuschauer tut einem diese derartige Chancenlosigkeit dieses Milieus weh, Daje und die anderen Schüler aber fragen nicht nach dem “ob”. Sie bemühen sich weiter und weiter, der Realität zum Trotz.

Ein Werk, das sich zwischen Doku und Spielfilm einordnen lässt, ist Daniel Borgmans Loving Pia. Das Werk des neuseeländischen Regisseurs erzählt die Geschichte einer geistig behinderten älteren Frau, die einen Mann finden möchte. Pia wohnt mit ihrer Mutter in Dänemark und lernt beim Spazierengehen Jens kennen, der sein Boot repariert. Langsam lernen sich die beiden besser kennen, wobei der Fokus des Films nicht alleinig auf dieser Beziehung liegt. Feinfühlig und sanft tastet sich Borgman an seine Hauptfigur heran, beobachtet sie in Alltagssituationen wie beim Essen mit der Mutter oder während sie die Gans Lola füttert.

Den Regisseur hat besonders Pias Art zu lieben fasziniert. “Ihre Liebe kennt keine Grenzen, und die meisten Menschen haben lauter Grenzen und sind in dieser Hinsicht viel weniger frei”, erzählt er beim Q & A. Der Film ist aus der Idee heraus entstanden, eine Beziehung zwischen Erwachsenen zu erzählen, in der einer der beiden die Verantwortung für den anderen hat. Durch ein Casting hat er sich dann für Pia und ihre Mutter entschieden, weil er die beiden so sympathisch fand – auch der Dreh sei eine wunderbare Erfahrung gewesen, so der Regisseur.

Loving Pia wirft dabei keinen verblendeten, unrealistischen Blick auf das Leben einer geistig Behinderten. Obwohl er Pias Besonderheit unterstreicht – ihre Begeisterungsfähigkeit, Sorglosigkeit und Lebensfreude – lässt er auch die Schattenseiten nicht außen vor. Wenn die Mutter sagt, Pia müsse in eine betreute Unterkunft, wenn sie selbst stirbt, oder wenn sie dem Zuschauer gesteht, dass sich in ihrem Leben nie etwas verändert, keine Entwicklung stattgefunden hat, dann kann man ahnen, welche Einschränkungen sie für Pia auf sich genommen hat.

Trotzdem hält der Film viel unerwartete Komik bereit, etwa wenn Pia mit der Dusche im Hotel kämpft, wenn sie auf Jens’ Rücken herumläuft, während dieser nackt auf dem Boden liegt, oder wenn sie im Zoo ein Spiel ausprobiert, bei dem man durch bestimmte Bewegungen feindliche Fische abwehren muss. Jens steht ungelenk daneben, während sie eine wundervolle Zeit hat. Nicht nur in dieser Szene wird klar, dass er einiges von ihr lernen kann.

 


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